FAQ

Wir bedanken uns bei Herrn PD Dr. W. Kreuz, Hämophilie-Zentrum Rhein-Main GmbH, Hessenring 13a/Geb. G1, 64546 Mörfelden-Walldorf, für die Überlassung des folgenden Textes.

Was ist das hereditäre Angioödem?

Das hereditäre Angioödem ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die durch flüchtige Episoden von Ödemen (Schwellungen) an Haut und Schleimhäuten gekennzeichnet ist. Diese Ödeme treten an den Händen, Füßen, im Gesicht oder im Atemwegsbereich auf. Zusätzlich haben die Patienten oft sich wiederholende Episoden von Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen, die durch Schwellungen in der Darmschleimhaut verursacht werden.

Warum wird die Erkrankung hereditär genannt?

Diese Erkrankung wird hereditär genannt, da sie innerhalb von Familien vererbt wird. Es besteht ein 50-prozentiges Risiko, dass ein Kind die Erkrankung von einem betroffenen Elternteil erbt.

Was verursacht HAE?

Bei Patienten mit hereditärem Angioödem ist der Spiegel eines Proteins, das C1-Esterase-Inhibitor genannt wird, im Blutplasma erniedrigt oder es funktioniert nicht richtig. Dieses Protein hemmt die erste Komponente des Komplementsystems. Das Komplementsystem wiederum besteht aus einer Kaskade von Serumproteinen, die bei der Immun- und Entzündungsantwort des menschlichen Körpers eine wichtige Rolle spielen.

Was verursacht eine HAE-Schwellung?

Die Attacken können ohne erkennbare äußere Ursachen auftreten. Stress, Angst, Infektionen oder kleinere Verletzungen können jedoch das Auftreten von HAE-Attacken provozieren. Zahnbehandlungen können beispielsweise dazu beitragen, dass Schleimhautschwellungen in den Atemwegen entstehen. Darüber hinaus sind andere Auslöser (z.B. Handschwellungen nach Rasenmähen, Schreiben, Hämmern etc.) beschrieben worden.

In welchem Alter beginnt die HAE-Symptomatik?

Das Alter bei Beginn von HAE-Symptomen variiert stark, jedoch findet sich ein Häufigkeitsgipfel im ersten und ein zweiter im zweiten Lebensjahrzehnt. Kinder fallen zunächst mit Bauchschmerzen auf, selten durch Kehlkopfödeme mit schwerer Atemnot. Etwa 75 Prozent der Patienten sind beim Erreichen des 20. Lebensjahres symptomatisch. Während der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter scheinen Attacken häufig aufzutreten. So werden z.B. als Auslöser der ersten HAE-Attacke bei vorher unauffälligen Patienten die Einnahme der Antibabypille berichtet. Ein weiterer auslösender Faktor kann eine virale oder bakterielle Infektion, z.B. die nicht seltene Virusinfektion Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber), sein.

Wie wird HAE diagnostiziert?

Die typischen Symptome für eine HAE-Erkrankung sind das vorübergehende Auftreten von nicht juckenden Schwellungen, die farblos sind und im Unterhautgewebe liegen oder akute Bauchschmerzen ohne erkennbare andere Ursache. Diese klinischen Zeichen begründen den Verdacht auf das Vorliegen einer solchen Erkrankung. Wenn mehrere Familienmitglieder betroffen sind, kann der erbliche Charakter erkannt werden. Der klinische Verdacht wird durch das Messen der C1-Esterase-Inhibitor-Aktivität bzw. des C1-Esterase-Inhibitor-Antigens im Blutplasma bestätigt.

Wie lange dauern die HAE-Attacken an?

Die Patienten berichten oft über ein Spannungsgefühl an der Stelle, an der etwa 30 Minuten bis einige Stunden später das Ödem auftritt. Die ödematöse Schwellung hält mindestens vier – im Durchschnitt zwischen 24 und 72 Stunden – an, kann aber in Einzelfällen auch länger andauern.

Warum sind HAE-Anfälle schwerwiegend?

Diese Anfälle sind besonders dann gefährlich, wenn sie im Bereich der Atemwege auftreten. In diesem Fall kann die Schwellung die Atemwege verschließen und das Durchführen einer Notfall-Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) erforderlich machen. Eine unbehandelte Schleimhautschwellung in der Luftröhre ist eine der Haupttodesursachen bei HAE-Patienten. War das HAE bisher nicht erkannt, ist in der Vergangenheit eine Mortalität von bis zu 25-30 Prozent der Patienten beobachtet worden. Daher ist im Falle einer Schleimhautschwellung im Kehlkopfbereich eine sofortige ärztliche Behandlung unbedingt notwendig. Bei rechtzeitiger Behandlung können so die Luftröhrenschnitte verhindert werden.

Was ist noch mit HAE-Attacken assoziiert?

Bei Frauen scheinen Menstruation und Schwangerschaft einen Effekt auf die Aktivität der Erkrankung zu haben. Einige Frauen berichten über eine Erhöhung der Anzahl von Attacken während ihrer Menstruation. Bei einer Schwangerschaft berichten einige Patientinnen über eine erhöhte, andere über eine erniedrigte Frequenz der Attacken. Die Benutzung oraler Kontrazeptiva (Antibabypille, insbesondere mit hohem Östrogengehalt) oder hormonhaltiger Intrauterinpessare scheint die Häufigkeit und den Schweregrad der Schwellungen zu erhöhen.

Wie wird HAE behandelt?

Es gibt zwei Arten von Therapien für Patienten mit HAE: 1.Die Behandlung akuter Attacken 2.Eine langfristige Prophylaxe

Was versteht man unter einer langfristigen Prophylaxe der Erkrankung?

Eine langfristige Prophylaxe, z.B. mit Androgen-Derivaten, benötigen nicht alle Patienten mit hereditärem Angioödem. Die Attacken sind bei vielen Patienten relativ mild oder selten, so dass sie keine langfristige Prophylaxe benötigen. In der Regel werden Patienten dann langfristig prophylaktisch behandelt, wenn die Schleimhautschwellungen die Atemwege betreffen, Patienten mehr als eine Attacke pro Monat haben oder diese Attacken bzw. die Erkrankung so schwerwiegend ist, dass die Patienten nicht mehr ohne Beschwerden am Alltagsleben teilnehmen können. Mit anderen Worten: Die Langzeitprophylaxe wird dann begonnen, wenn die Erkrankung eine deutliche Reduktion der Lebensqualität des Menschen bedeutet.

Welche Substanzen werden für die Langzeitprophylaxe von HAE eingesetzt?

Je nach Häufigkeit und Schweregrad der Attacken wird zur Langzeitprophylaxe Danazol, ein Androgenderivat (männliches Sexualhormon, siehe nächste Frage) eingesetzt, das ein Ansteigen des Blutplasmaspiegels von C1-Esterase-Inhibitor, der bei HAE-Patienten erniedrigt ist, bewirkt. Bei dieser Behandlung kann es jedoch zu einer Vielzahl von Nebenwirkungen kommen, wie z. B. Bluthochdruck, Muskelschmerzen, Depressionen, Gewichtszunahme, Einschränkung der Leberfunktion sowie ein völliges Ausbleiben der Menstruation mit Vermännlichung bei Frauen. Das Auftreten von Nebenwirkungen hängt von der Dosierung und der Dauer der Danazol-Gabe ab, ist jedoch bei Danazol weniger stark ausgeprägt als bei anderen Androgenen wie z.B. Stanozolol. Bei Patienten, die Androgene erhalten, sollten regelmäßig Kontrolluntersuchungen wie z.B. der Leber- und Nierenfunktion durchgeführt werden. Wir sind bei der Gabe von Androgenderivaten aufgrund der Nebenwirkungen sehr zurückhaltend.

Was sind Androgene?

Androgene sind männliche Geschlechtshormone und besitzen im Wesentlichen zwei Eigenschaften: Sie erhöhen die Produktion von C1-Esterase-Inhibitor im menschlichen Organismus und beeinflussen die Ausprägung männlicher Geschlechtsmerkmale (z.B. vermehrter Haarwuchs vom männlichen Behaarungstyp, kräftiger Muskelaufbau, tiefere Stimme). Androgene wie z.B. Danazol wurden in einer Dosierung zwischen 50-200 mg/Tag erfolgreich bei der Behandlung von HAE eingesetzt, können jedoch zu einer Virilisierung ("Vermännlichung") des weiblichen Organismus führen. Darüber hinaus können sie Unregelmäßigkeiten im Menstruationszyklus (bis zum Ausbleiben der Menstruation), starke Gewichtszunahme sowie Stimmungsveränderungen verursachen und sich negativ auf die Leberfunktion auswirken. Auch Lebertumoren wurden beschrieben.

Können akute Attacken des hereditären Angioödems erfolgreich behandelt werden?

Ja, in diesem Falle kann z. B. das fehlende Einweiß C1-Esterase-Inhibitor intravenös verabreicht werden. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass eine akute HAE-Attacke nicht auf eine Standardtherapie für Angioödeme (Adrenalin, Antihistaminika und Kortikoide) anspricht.

Wie soll sich ein Patient verhalten, der ein Ödem im Halsbereich verspürt?

In diesem Fall ist z. B. eine sofortige Gabe von 20 Einheiten C1-Esterase-Inhibitor-Konzentrat pro kg Körpergewicht erforderlich. Nachdosierungen können notwendig werden. Falls ein Notfall-Präparat nicht zur Verfügung steht, muss im Notfall ein Luftröhrenschnitt durchgeführt werden. Geringe Mengen von C1-Esterase-Inhibitor sind auch im Frischplasma enthalten. Frischplasma könnte bei rechtzeitiger Gabe hilfreich sein, falls C1-Esterase-Inhibitor-Konzentrat nicht zur Verfügung steht. Seit Herbst 2008 steht ein weiteres Notfallmedikament, ein Bradykinin-B2-Rezeptorantagonist, zur Therapie der akute Schwellung zur Verfügung. Patienten mit HAE sollten immer einen Notfallausweis mit sich führen!