Besser Leben mit HAE: Der Weg zur modernen Therapie

In der Forschung und Therapie des Hereditären Angioödems (HAE) hat ein Unternehmen eine besonders wichtige Rolle gespielt: Das vom preußischen Mediziner Emil von Behring gegründete Unternehmen, das heute unter dem Namen CSL Behring Medikamente gegen zahlreiche seltene Erkrankungen, darunter auch HAE, herstellt.
Ein Rückblick auf 135 Jahre HAE-Forschung; von einer unterschätzten Erkrankung unbekannter Ursache bis hin zur Therapie in den eigenen vier Wänden.

Betroffene der seltenen Erbkrankheit Hereditäres Angioödem (HAE) leiden unter schmerzhaften Schwellungsattacken, die plötzlich und immer wieder auftreten, an Händen, Füßen oder im Gesicht, häufig mit schweren Magen-Darm-Koliken. Heute kann die Erkrankung so wirksam behandelt werden, dass Patienten ein relativ normales Leben führen können. Das war nicht immer so: Die Krankheit wurde nicht nur selten erkannt, sondern oft auch falsch behandelt. Wenn die Schwellungen im Kehlkopfbereich auftreten, sind sie lebensbedrohlich, und so berichten viele der heutigen HAE-Betroffenen von Todesfällen in früheren Generationen ihrer Familien.

Typische HAE-Schwellungen – hier an der Hand

Anfänge der HAE-Forschung

Die Geschichte der Erforschung des HAE reicht nur etwas mehr als hundert Jahre zurück. Zum ersten Mal wurde die Erkrankung im späten 19. Jahrhundert beschrieben: Der britische Chirurg John Laws Milton, einer der Wegbereiter der Dermatologie, berichtete 1876 von einem Patienten mit einer ungewöhnlich heftigen Schwellung der Haut, die er als eine schwere Form von Nesselsucht diagnostizierte – eine Überreaktion der Haut zum Beispiel auf Allergene, bestimmte Nahrungsmittel oder Stress. Dieser frühe Befund verdeutlicht die Problematik, mit der Betroffene heute noch zu kämpfen haben: Auch 135 Jahre nach Miltons Bericht wird HAE häufig mit einer allergischen Reaktion verwechselt – selbst von Ärzten.

Erste Forschungserfolge

Im Jahr 1882 beschrieb der deutsche Internist Heinrich Irenaeus Quincke ein „Angioneurotisches Ödem", das später auch nach ihm benannt wurde („Quincke-Ödem"). Der Zusatz „angioneurotisch" wird hingegen nicht mehr verwendet, da diese Ödeme (Ansammlungen von Flüssigkeit im Gewebe) keine neurologische Ursache haben. Der kanadische Mediziner Sir William Osler erkannte 1888, dass es sich um eine Erbkrankheit handelt – in der Familie einer jungen Patientin traten bereits in der fünften Generation wiederkehrende Schwellungsattacken auf. Seine Theorie wurde 1913 vom Forscherpaar Crowder bestätigt, als zum ersten Mal dargelegt werden konnte, dass HAE autosomal-dominant1 vererbt wird.

Gründung der Behringwerke

Etwa ein Jahrzehnt früher, 1904, hatte der Nobelpreisträger Emil von Behring in Marburg die Behringwerke gegründet, wo dringend benötigte Medikamente gegen Diphtherie2 und später auch Cholera3 und Tetanus4 hergestellt wurden. Das zunächst mit zehn Mitarbeitern gestartete Unternehmen wuchs in den kommenden Jahren rasant und wurde bereits zehn Jahre nach der Gründung, im Jahr 1914, zur GmbH. Behring war in vielerlei Hinsicht ein Pionier der damaligen Zeit: 1901 hatte er den ersten Nobelpreis für Medizin erhalten; das Preisgeld legte den Grundstein für die nach ihm benannten Werke. Behring sah sich verpflichtet, zur Behandlung von Krankheiten beizutragen, die bis dahin als unheilbar galten: „Ich wurde von dem Bedürfnis angetrieben, mein Leben einem wichtigen und ehrbaren Ziel zu verschreiben. Das ist der Grund, warum ich mich gleich zu Anfang dafür entschied, jene Krankheiten zu studieren, die Menschen beeinträchtigen und die noch nicht mit anderen Medikamenten behandelt werden konnten." Aufgrund seiner Arbeiten über die lebensbedrohliche Erkrankung Diphtherie, und der Heilungserfolge, die ein von ihm entwickeltes Serum erzielten, konnte man die Infektionskrankheit, an der bis dahin jedes zweite erkrankte Kind in Preußen gestorben war, von nun an wirksam bekämpfen.

Therapie mit Humanplasma

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang den Behringwerken erstmals in Europa die Fraktionierung von Humanplasma5 im Industriemaßstab, also die Trennung von Plasma in verschiedene Proteinbestandteile. Noch einmal dreißig Jahre später, 1979, erhielt das Unternehmen als erstes in Deutschland die Zulassung zur Herstellung von humanem C1-Inhibitor-Konzentrat: Ein Meilenstein für HAE-Betroffene, denn rund 15 Jahre zuvor hatten die Wissenschaftler V.H. Donaldson und R.R. Evans nachgewiesen, dass ein Mangel an C1-Esterase-Inhibitor die Symptome verursacht. Anfangs war die Menge des hergestellten Medikaments so gering, dass nur lebensbedrohliche Attacken behandelt werden konnten.

Gründer der Behringwerke und ein Pionier der medizinischen Forschung: Emil von Behring (1854-1917), rechts im Bild

Fortschritte in der HAE-Forschung

Zu Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden an den Universitätskliniken in Frankfurt und Mainz die ersten großen HAE-Ambulanzen; weitere folgten an den Universitätskliniken in München und Berlin. „Mit CSL Behring gab es einen stetigen Wissensaustausch", so Dr. Inmaculada Martinez-Saguer, HAE-Expertin am Hämophilie-Zentrum Rhein Main – davon haben die HAE-Patienten und die Forschung des Unternehmens profitiert. Der Nachweis, dass das Krankheitsbild durch eine Mutation (Veränderung des Erbguts) des Chromosoms 11 verursacht wird, konnte 1986 erbracht werden. Weiterer Schritt in der Entschlüsselung der durch HAE im Körper ausgelösten Vorgänge: HAE-Patienten bilden entweder zu wenig oder nicht funktionsfähige C1-Esterase-Inhibitoren. Das verursacht eine Fehlsteuerung des Kinin-Systems durch einen relativen Überschuss des Gewebshormons Bradykinin, was bei Betroffenen zu gefährlichen Ödemen führen kann.

Gründung der Deutschen Gesellschaft für Angioödeme...

In den 1990er Jahren entstanden in Deutschland ebenfalls Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Aufklärung sowie die Therapie der Erkrankung zu verbessern: In Mainz schlossen sich Ärzte und Wissenschaftler in der Deutschen Gesellschaft für Angioödeme e.V. zusammen, um einen effektiveren Austausch über das Krankheitsbild sowie dessen Erforschung weiter voranzutreiben.

…und der HAE-Selbsthilfeorganisation

Auch HAE-Betroffene haben seit 1997 eine bundesweite Organisation, die HAE-Vereinigung e.V.. Unter dem Motto „Nicht mehr allein – gemeinsam voran" hat sich die Selbsthilfegruppe vor allem der Aufklärung und der Unterstützung Betroffener und deren Familien verschrieben. Daher steht die HAE-Vereinigung e. V. auch in engem Kontakt mit den HAE-Ambulanzen. Dieser Austausch trägt u. a. dazu bei, dass die Betroffenen ihre Lebensqualität zurückgewinnen können. Denn: Noch vor rund einem Vierteljahrhundert wurden viele HAE-Patienten mit Präparaten behandelt, die z. T. schwere Nebenwirkungen, wie z. B. Übergewicht, Depressionen und Bluthochdruck verursachten. Mit einer wirksamen und sicheren Therapie können Patienten in der heutigen Zeit ein (fast) normales Leben führen. Es dauerte nicht einmal ein Jahrzehnt bis die Vereinigung – inzwischen mehrere hundert Mitglieder stark – ihr Gegenstück auf internationaler Ebene fand: In Mailand gründeten Betroffene die länderübergreifende Selbsthilfeorganisation HAEi, durch die die weltweite Kooperation und Koordination zwischen HAE-Spezialisten und nationalen Patientenverbänden gefördert werden soll. Zum ersten internationalen HAE-Tag fanden 2012 auf Initiative der drei größten HAE-Zentren Deutschlands sowie der HAE-Vereinigung zahlreiche Aktionen statt, bei denen auf die seltene Erkrankung aufmerksam gemacht wurde.

Mehr Selbstständigkeit für Patienten

Im Jahr 2011 wurde von den europäischen Gesundheitsbehörden die Genehmigung zur ärztlich kontrollierten Selbstbehandlung der akuten Attacke erteilt: Anstatt in überfüllten Notaufnahmen auf die dringend benötigte Spritze zu warten, und stets in der Sorge zu leben, im Notfall vielleicht nicht rechtzeitig behandelt werden zu können, dürfen sich Patienten in 23 Ländern den Wirkstoff seitdem selbst verabreichen, nachdem sie von einem Arzt sorgfältig in der Anwendung unterwiesen wurden. So können sie die Therapie in der häuslichen Umgebung oder wenn nötig auch unterwegs durchführen.

Die Behringwerke heute

Heute befindet sich der Plasma-Bereich der früheren Behringwerke unter dem Dach der CSL-Gruppe. Das Unternehmen ging aus den 1916 in Australien gegründeten Commonwealth Serum Laboratories (CSL) hervor. Seit 2006 tritt die deutsche Tochter unter dem Namen CSL Behring GmbH auf. Das Unternehmen war seit jeher vom Nutzen des Präparats überzeugt und den Patienten verpflichtet, selbst zu Zeiten, als es aufgrund der seltenen Nachfrage nur in geringer Menge hergestellt werden konnte. Bis heute stellt CSL Behring das einzige Medikament her, das auch zur Behandlung von HAE-Schwellungsattacken bei Kindern unter 12 Jahren zugelassen ist. Ganz im Sinne Emil von Behrings, dem man aus Dankbarkeit für seine Verdienste um die Gesundheit der kleinsten Patienten damals den Beinamen „Retter der Kinder" gab.

Ein Teil der heutigen Produktionsstätten von CSL Behring in Marburg

1 Wenn ein Elternteil ein verändertes Gen (von zwei Genen) besitzt, so kann entweder das unveränderte oder das veränderte Gen an das Kind weitergegeben werden. Jeder Patient vererbt also mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% das veränderte Gen und dadurch die Störung oder Erkrankung.

2 Bei der Diphtherie handelt es sich um eine akute, ansteckende Infektionskrankheit, die durch eine Infektion der oberen Atemwege mit dem Gram-positiven Corynebacterium diphtheriae hervorgerufen wird.

3 Cholera (griechisch ‚Gallenbrechdurchfall‘) ist eine schwere, bakterielle Infektionskrankheit vorwiegend des Dünndarms, die durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht wird. Die Infektion erfolgt zumeist über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung.

4 Tetanus, auch Wundstarrkrampf genannt, ist eine häufig tödlich verlaufende Infektionskrankheit, welche die muskelsteuernden Nervenzellen befällt und durch das Bakterium Clostridium tetani ausgelöst wird.

5 Flüssiger, zellfreier Bestandteil des Blutes.